6
»Ich habe heute Nacht von Nilpferden geträumt.« Alfred war aufgewacht, weil Sally ihm die Nase zugehalten hatte. Sie saß neben ihm auf den Fersen und schaute neugierig auf ihn herab aus ihrem offenen, sympathischen Gesicht.
»Ich mag deine Haut«, sagte sie fröhlich. »Sie ist so zart und doch fühlt man die Spannung.« Den Morgenruf des Muezzins hatte Alfred glücklich verschlafen, jetzt schien die Sonne direkt aufs Bett, der blecherne Wecker auf der alten Munitionskiste zeigte auf Viertel nach sieben. Die Fliegen, die nachts ruhig an den Wänden geblieben waren, kamen auf ihn herunter und umschwirrten ihn. Er versuchte sie mit der Hand zu verscheuchen, eine setzte sich auf Sallys Oberschenkel. »Du bist so weich«, sagte sie. »Mir kommt es wie ein Wunder vor, dass eine Frau schon in der Früh gute Laune hat«, brummte Alfred erleichtert. »Alle Frauen, mit denen ich bisher zusammen war, mussten zuerst unter die Dusche.« »Ich muss ebenfalls unter die Dusche«, sagte sie. »Aber nicht, um mich zu mögen, sondern nur damit du nicht stinkst.«
Er seufzte behaglich und schmiegte sich mit leisen Kehllauten zurück in die Kissen, er war müde wegen der Probleme, die ihm seine Gallenblase machte, zu viel Kaffee, zu viele Zigaretten, zu viele Süßigkeiten. Jetzt fiel ihm ein, dass dies der Tag war, an dem das Röntgen gemacht werden sollte. Die nächtlichen Vorbereitungen hatte er erfolgreich überstanden, am Abend um zwanzig Uhr ein leichtes Essen, um vierundzwanzig Uhr diverse Pillen, jetzt musste er lediglich noch bis zum Mittag durchhalten und nüchtern bleiben. Sein durch Arbeit und Sex geprägter Lebenswandel hatte den ersten Röntgentermin vor einer Woche vermasselt, er war schon um zehn eingeschlafen und erst um vier wieder aufgewacht, zu spät für die Medikamente.
Diesmal hatte er sich mit der Reinschrift des Amulettkästchen-Artikels für Stuttgart wach gehalten. Sally längst imBett, er in der Küche am heftigen Tippen, das Farbband gab nicht mehr viel her, Klingeln der Randglocke. Später war ihm das Einschlafen schwergefallen, die mantelknopfgroßen Pillen hätte er beinahe nicht hinuntergebracht, dazu die Grübelei wegen seiner finanziellen Situation, er sackte immer weiter ab. Ehe die Museen in Wien und Berlin ihre Außenstände beglichen, war er längst gepfändet. Im Halbschlaf hatten ihn Zahlen geritten, er hatte imaginäre Briefe an seine Tanten und seine Großmutter verfasst, in denen er ihnen in die Geldbörsen schielte. Unglücklicherweise bezweifelten die dörflichen Damen die Ehrbarkeit seiner Kairoer Arbeit und glaubten, er bringe sein Geld mit Drogen durch. Wie es aussah, war er gezwungen, Sally zu bitten, ihm aus der Klemme zu helfen, seines Wissens war sie ebenfalls blank. »Kommst du?« fragte sie. Sie küsste ihn auf den Nacken, ihre Brüste streiften über seinen Rücken. Dann ging sie zum Fenster und öffnete es, um die vom Schlaf verbrauchte Luft zu erneuern. Vom Delta kamen frische Fuhren mit einer leichten Brise heran, der intime Hauch des Nahen Ostens strich über Sallys Gesicht. Und der Verkehr schrie: Ich auch! Ich auch! Das Jaulen, Röhren und Kreischen sprang sie an, und mit den Geräuschen frische Gerüche von Brot, Dung, Holzfeuern und aromatisierten Wasserpfeifen.

Einen Moment lang blieb Sally im offenen Fenster stehen, sie spürte die erste Sonnenwärme und kriegte Lust, vor Glück zu schreien. Es war nicht schwer, sich in dieser Stadt wohl zu fühlen. In Wien liebte Sally ihre Freunde und noch anderthalb Menschen. Hier liebte sie das Leben. Es war Anfang 1977, Sally befand sich in ihrem einundzwanzigsten, Alfred in seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr. Er wohnte im Stadtteil Aguza in einer wenig befahrenen Seitengasse der Sharia al-Nil, wo vom Balkon aus zur linken Seite ein Stück des Nils schimmerte und dem Hausbesitzer mit wechselnden Flussfarben erhöhte Mietgewinne sicherte. Die Wohnung war schön gelegen, für hiesige Verhältnisse nicht übertrieben laut, mit nur der üblichen Menge an ägyptischem Staub und ziemlich vielen Fliegen. Aus einem Lüftungsgitter unterhalb des Balkons dampfte schon am Morgen die Abluft einer Restaurantküche und verbreitete Essensgeruch. Das zog die Fliegen an. Leider war das nicht das größte Problem in der Wohnung. Als sehr viel lästiger als die Fliegen erwies sich der undichte Abfluss der Dusche. Unter dem Bad lag das Zimmer des Hausmeisters, das Wasser ging durch die Decke und tropfte genau auf sein Bett.

Das ging seit Wochen so. Alfred hatte große Mühe gehabt, einen Installateur aufzutreiben, ewiges Warten, Nachhaken, Vertröstungen, dann, eines schönen Tages, war der Mann unangekündigt abends um halb neun gekommen, hatte einige Fliesen eingeschlagen, ein Rohr ausgetauscht, alles schmutzig gemacht und gesagt, der Schaden sei behoben. Am nächsten Morgen läutete es an der Tür, es war der Hausmeister, der sagte, das Wasser tropfe weiterhin auf sein Bett. Von da an läutete es jeden Morgen pünktlich um halb acht für immer dieselbe schlechte Nachricht. Plötzlich stoppte das Durchsickern des Wassers von selbst, aber nur für zwei Tage, dann ging es wieder von vorne los. Jedes Mal, wenn Alfred die Türglocke hörte, wurde er von Panik ergriffen, es könnte Am Abdon sein, so hieß der Hausmeister.

Dass eine dermaßen kleine und dumme Sache Alfred so durcheinanderbrachte, war erstaunlich. Alfred versuchte, den Hausmeister mit seinen eigenen Waffen zu schlagen und klopfte bereits um fünf vor halb acht bei ihm an, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Diese Strategie erwies sich als wirkungsvoll, denn so signalisierte Alfred, dass er Am Abdon nicht vergessen hatte.
Es kam ein anderer Installateur, zerschlug erneut ein paar Fliesen, bohrte ein Loch durch die Decke auf der Suche nach dem Leck, und von da an gab es eine Art Funkverbindung zwischen dem Zimmer des Hausmeisters und Alfreds Bad. Wenn Sally oder Alfred das Bad benutzten, konnten sie alles hören, was im Hausmeisterzimmer vor sich ging. Das Radio, die Bemühungen Am Abdons, wenn er über seiner Frau war, die Gespräche mit seinen religiösen Freunden. Das war seltsam und verrückt, weil es klang, als tönten die Stimmen aus der Unterwelt der Geister herauf. Der Hausmeister und seine Freunde redeten über das gerechte Wirken Gottes, über die Kriegslust des kapitalistischen Diebsgesindels und darüber, dass Ägypten die einzige zivilisierte Gemeinschaft der Erde sei.

»Ich dachte, das ist Österreich«, flüsterte Alfred spöttisch. Wenn Sally etwas nicht verstand, weil sie im Arabischen nicht ausreichend zu Hause war, fungierte Alfred als Übersetzer. Bei besonders frommen Standpunkten schüttelte sich Sally entsetzt mit ihrem gesteigerten Realitätsbewusstsein des neuen und aufgeklärten Menschen. Ihr fehlte ein wenig der Respekt vor Menschen, die an Märchen glaubten. Aber am unangenehmsten war, wenn im Zimmer des Hausmeisters die schlechte Arbeit des Installateurs diskutiert wurde. Dann fielen Schimpfwörter, die nicht sehr nobel waren. Und obwohl sie gegen den Installateur gerichtet waren, fühlten sich Alfred und Sally angesprochen. Sally fragte sich, was umgekehrt der Hausmeister aus
Alfreds Badezimmer hörte. Sie dachte, es ist egal, solange er nichts sehen kann. Trotzdem fühlte sie sich beobachtet und mochte es, wenn Alfred sie zum Duschen begleitete. Alfred kam diesem Wunsch gerne nach. Sallys Nacktheit war für ihn immer noch neu, wie alles, was mit ihr zu tun hatte. Am liebsten wäre er ständig im Kreis um sie herumgegangen wie ein Schneider, denn eine so schöne und interessante Frau hatte er bisher nicht gekannt, und wenn, dann war sie in Begleitung gewesen, nicht nackt bei ihm.

Er selber verwendete im Badezimmer immer öfter Ohrenstöpsel. Nach mehr als zwei Wochen hatte er es satt, die frommen Sprüche zu hören, die der Hausmeister und seine Freunde wechselten. Für Alfred klangen sie doppelt herausfordernd, weil er als Kind religiös gewesen war, mit Gott als absoluter Sinngebung seines Lebens. Im Moment stagnierte die Badezimmer-Saga. Die undichte Stelle schien auf mysteriöse Weise gestopft, aber ganz sicher war sich niemand, denn auch der zweite Installateur hatte nichts anderes getan, als Fliesen zu zerschlagen und den Fußboden aufzustemmen. Die Sache blieb rätselhaft. Deshalb wollten Sally und Alfred nichts überstürzen und lieber zuwarten, bis der Installateur zurückgekommen war und das Loch im Fußboden wieder geschlossen hatte. Solange das nicht geschehen war, stellten sie sich während des Duschens in eine gelbe Waschbütte aus Plastik, mit nur leicht aufgedrehtem Wasser, und die Bütte trugen sie in die Küche, wo sie das Wasser in die Abwasch schütteten. Dadurch herrschte vorläufig Friede zwischen oben und unten. Die Decke trocknete in der Winterluft auf, jetzt löste sich allerdings der Verputz und fiel auf Am Abdon, während er schlief. Angeklingelt hatte er deswegen noch nicht, er teilte es regelmäßig mit, wenn er Alfred oder Sally auf der Treppe traf. Sie bewegten sich im Haus wie Verbrecher, schlüpften möglichst ungesehen raus und rein, damit Am Abdon sie nicht einfangen und sich bei ihnen beklagen konnte.

Als Sally einem englischen Studienkollegen von ihrem Ärger erzählte, sagte er, das sei nichts gegen ihn, er müsse jedes Mal, wenn er die Toilette spülen wolle, auf eine Leiter klettern, mit der Hand in den Wasserkasten greifen und eine Stange bewegen, um das Abrinnen des Wassers zu stoppen. Und wenn er sich bei seiner Vermieterin darüber beschwere und sie darum bitte, die Spülung flicken zu lassen, sage sie:
»Was erwarten Sie bei dem Preis, den Sie für die Wohnung bezahlen?«
Wie viel das sei, fragte Sally. Dreihundert ägyptische Pfund, sagte der Engländer – nicht zu fassen. Alfred zahlte achtzig, Sally fünfundvierzig für ein Zimmer in Bulaq in einer Wohngemeinschaft mit einem libanesischen Flüchtlingspaar. Sally ging dort so gut wie nicht mehr hin, weil sie beim Mieten vergessen hatte, auf dem Bett Probe zu liegen. Die Schranktür, die sie schon öfter abgeschraubt und unter die Matratze gelegt hatte, war beim Nachhausekommen immer wieder an ihren Platz montiert.
Alfred brachte die Waschbütte zurück, schon ziemlich geübt im Tragen und Ausleeren. Mittlerweile hatte Sally ihren Unterleib eingeseift, sie stieg in die Bütte und drehte den Wasserhahn wieder auf. Rittlings auf dem Stuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne gestützt, Kinn in der Hand, schaute Alfred ihr beim Abspülen zu. Sein Gesicht schien zu glühen vor Freude und Verwunderung über das, was er sah. Er besaß eine unstillbare Neugier auf alles, was Sally tat und dachte. Er schaute ihren jungen Körper auf Vorrat an, er wollte dieses Mädchen unbedingt heiraten, er wollte sie ganz für sich, für immer, nahm aber nicht an, dass sie damit einverstanden war. Wenn er fragte, ob Sally bei ihm bleiben werde, gab sie ihm ausweichende Antworten.

»Woher soll ich das wissen?« sagte sie dann. »Am Anfang kann man doch noch gar nichts sagen, man geht irgendwie ins Ungewisse.«
»Hast du ein gutes Gefühl?« fragte er. »Jedenfalls glaube ich nicht, dass es den Wert unserer Liebe im Nachhinein schmälern würde, wenn sie irgendwann wieder aufhört.«
Von unten vernahm Alfred das Radio des Hausmeisters, es stieß plärrend Nachrichten aus. Die Fieberkurve der nahöstlichen Konflikte stieg schon wieder an. Propaganda aus Ägypten mischte sich mit Propaganda aus Syrien, das Ganze garniert mit Krach aus dem Libanon, Stunk aus dem Irak und als Draufgabe unbrauchbare Vorschläge aus Saudi-Arabien und Provokationen aus dem Westen. Jetzt sprang auch das gefährlichste Wort aus der Unterwelt herauf, Israel! Israel! Israel! Und der Ton des Sprechers wurde männlich, noch viel männlicher als vorher, die Stimme drehte sich in heroische Erregung hinein, das war die täglich gleichbleibende Stimmverwandlung inmitten ansonsten wilder und völlig undurchsichtiger Emotionskomplexe in all den Wirren der arabischen Welt. Alfred erhob sich ein wenig. »Wenn die Berichte nicht lügen, kommt eine nächtliche Ausgangssperre. Auf der Sharia al-Giza sind in der vergangenen Nacht die letzten Nachtclubs ausgebrannt.«
Kurz darauf stand er auf und erinnerte Sally an das Bett von Am Abdon. Das sonnengewärmte Wasser aus dem Tank am Dach rann über Sallys von Speckröllchen weich gewellte Hüften die Beine hinab und endete als Spülwasser in der Bütte, die schon wieder nahe am Überlaufen war.

In der Küche rüttelte der Dampf am Deckel des Topfes, und während der Tee zog, saß Sally nur mit einem Handtuch bekleidet am Tisch und klopfte mit dem Messergriff heftig gegen den Brotlaib, aus dem Ameisen purzelten; während der Nacht hatten sie Straßen in den Laib gegraben, das war vorbildlicher ägyptischer Ingenieurgeist. Sally fegte die Ameisen mit der Handkante vom Tisch, der Tisch war schrecklich klebrig, sie dachte, ich sollte ihn wieder einmal abwischen, vielleicht übermorgen, da habe ich frei.
»Psst!« sagte Alfred. Seit Sally sich ein Handtuch umgebunden hatte, war er wieder zugänglich für Alltagsdinge. Er lauschte auf seinen eigenen Transistor, der jetzt ebenfalls lief. Das Gerät war auf BBC eingestellt, dort verkündete eine Frauenstimme die europäischen Wetterdaten. Wien wie üblich keine Erwähnung, dafür Budapest. Kein großer Unterschied: Minusgrade. Das war der tägliche Triumph.
»Wien ist ein Grab«, sagte Sally.
»Wenigstens haben gestern die Franzosen gezahlt«,
stellte Alfred fest. »Ich freue mich, dass ich mich nicht getäuscht habe. Es zeigt auch wieder, wo die miesen Typen zu Hause sind.«
Alfred goss Tee in die Tassen. Vor ihm auf dem Tisch stand eine Schüssel mit Wasser, ein silbernes Kinderpfeifchen weichte darin ein. Alfred hatte es am Vortag am Bazar gekauft, es war voller Dreck, eine klebrige, braune Masse, aber interessant, da es auf erstaunliche Weise englischen Bootsmannspfeifen glich. »Ich hoffe, ich bekomme morgen meine Museumsbewilligung«, sagte er.
»Das glaube ich nicht«, gab Sally zur Antwort.
»So kindisch werden sie nicht sein, dass sie mir die Bewilligung
nur aus Spaß an der Freude auf ewig verweigern.«
»Denkst du«, sagte sie. »Die können noch viel kindischer
sein, und sind es auch.«
Das moderne Ägypten war in vielen Aspekten ein weißer Fleck auf den ethnographischen Landkarten, Alfred versuchte, diese Flecken zu kartographieren. Für die Dokumentation seiner Erkenntnisse benötigte er Vergleichsmaterial, doch obwohl er hier seit zwei Jahren sein Unwesen trieb und die völkerkundlichen Museen in Wien und Berlin als Einkäufer belieferte, verweigerten ihm die Verantwortlichen am Österreichischen Kulturinstitut die Unterstützung, die er brauchte, um Zugang zu den Depots der Kairoer Museen zu erhalten. Offiziell galt Alfred als Tourist. Dabei veröffentlichte er beinahe monatlich einen Artikel, und seine Wohnung war Durchgangslager und Stapelplatz für Erwerbungen von musealem Rang. Selbst in der Küche herrschte eine kunstlose Unordnung. Neben kupfernen Kochtöpfen und Pfannen und mehreren Kerzen, die in Flaschenhälsen auf den nächsten Stromausfall warteten,hingen bestickte Sinai-Kleider und paillettenverzierte Burkas, eine Kiste mit ägyptischen Kinderspielsachen stand in einer Ecke, und neben Kartons mit Kaffeemühlen, Rauchfässern und Amulettkästchen lagerten etliche aus Zucker gegossene Figuren, die nur am Mawlid an-Nabi, dem Tag der Heiligen, verkauft wurden. Alfred hatte die Zuckerfiguren in den alten Stadtteilen Kairos zusammengekauft; hoffentlich brachte er sie heil nach Wien.

»Wenn die Lemuren vom Kulturinstitut erfahren, dass du bei mir eingezogen bist, gönnen sie mir gar nichts mehr«, sagte er. »Lass dich bloß nicht aushorchen.« »Ich verplappere mich schon nicht«, beruhigte sie ihn. Tatsächlich wusste niemand, wie Sallys Angelegenheiten mit Alfred standen. Zwar gingen Gerüchte um, aber sie waren schwach belegt, und Sally tat alles, den bösen Zungen keine Nahrung zu liefern. Sie wusste nicht, was genau sie von Alfred wollte, entsprechend heftig dementierte sie mit Piepvögeln, ihr spinnt wohl, lasst mich mit eurem Scheiß in Ruhe. Der durch die Büros schleichende Verdacht war trotzdem nicht ganz zu zerstreuen, er verdichtete sich immer wieder und pflanzte sich fort. In diesem Fall stimmte, was ihr Großvater immer gesagt hatte, dass nicht einmal die Artillerie in der Lage sei, das Geschwätz aufzuhalten.
Offenbar hatte er in seinem Leben nicht nur Unsinn geredet. Auch die Direktorin des Kulturinstituts hatte ein Sprichwort auf Lager. Wenn zutreffe, was gemunkelt werde, sei Sally das Paradies, in dem Schweine weiden. Ägyptisch. Holla, dachte Sally, meinen Freund suche ich mir immer noch selber aus. Sie lächelte geheimnisvoll, sie sagte, die Leute würden alles mögliche erfinden, um sich interessant zu machen. Sie log von Herzen, Falschheit und Heimlichtuerei fielen ihr speziell im Umfeld des Kulturinstituts wunderbar leicht. Hauptsache, Alfred bekam seine Museumsbewilligung. Und so störte es Sally auch weniger, dass sie gleichzeitig im Verdacht stand, ein Verhältnis mit dem Botschaftssekretär der Bundesrepublik Deutschland zu unterhalten.

Diese Verbindung wäre weniger übel vermerkt worden, bestand aber schon seit Wochen nicht mehr, genauer gesagt, seit der Schwanz des Botschaftssekretärs einen recht unverblümten Geschmack abgegeben hatte. Seither wollte Sally nichts mehr von ihm wissen. Offenbar wusch er sich nicht zwischen zwei Frauen und hatte seltsame Vorlieben, die dem klassischen Altertum näher standen, als mit norddeutschem Protestantismus vereinbar. Sally brauchte nicht die niedrigsten organischen Absonderungen einer unbekannten Frau im Mund, es ekelte sie, wenn sie nur daran dachte.

Anschließend hatte sie sich enger an Alfred angeschlossen. Seine Lebensart war weniger verfeinert, er bewunderte sich nicht andauernd selbst und hielt sich nicht für einen der letzten drei Idealisten auf Erden. Die meisten Männer in Kairo, ob Ausländer oder Einheimische, konnten nicht genug von sich selber kriegen, es herrschte eine infantile Männlichkeitssucht nicht zuletzt auch unter denen, die demonstrativ Turnschuhe trugen. Das ging Sally schrecklich auf die Nerven. Alfred war im Vergleich dazu schüchtern und unsicher, er wurde leicht rot. Um seine Qualitäten zu sehen, musste man ein zweites Mal hinschauen, zum Beispiel konnte er ganz kurz zwischen zwei Worten lachen, man merkte es kaum, anfangs hatte Sally es immer übersehen. In seiner Gegenwart verspürte sie eine gewisse Entspanntheit, die sie bei anderen Männern nicht verspürte, sie wurde ruhiger und sicherer, obwohl weiterhin Wellen von Egoismus und Unberechenbarkeit durch sie hindurchgingen. Besonders anziehend war, dass die armen Bewohner der umliegenden Straßen Alfred mochten, die Hausmädchen und kleinen Handwerker, die von den gegenüberliegenden Straßenseiten herüberriefen und sich nach seiner Gallenblase erkundigten. Alfred blieb stehen und unterhielt sich mit ihnen, wie geht’s?, und zehn Sekunden später lachten alle, dafür zollte sie ihm Anerkennung. Alles in allem gehörte Alfred nicht zu dem Schlag Liebhaber, den sie bisher gehabt hatte, eher das Gegenteil, sie konnte es sich nicht recht erklären. Aber gut, wenn man in der Liebe Enttäuschungen erlebt, ist die nachfolgende Reaktion ein Versuch, weiteren Enttäuschungen zu entgehen.

Cover Alles über SallyAlles über Sally
368 Seiten
Fester Einband
ISBN 978-3-446-23484-0
21,50 €

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