Leseprobe: Anna nicht vergessen

Der Anfang der Erzählung
Es rührt sich nichts

Es ist niederschmetternd, wie sehr die Anrufe immer spärlicher werden. Der Mittagsanruf erst um 13.10. Als ich deswegen eine Bemerkung machte, reagierte Jenny mit schon gewohntem Unverständnis. Es gab Streitereien. Jetzt darf ich in der Firma nicht mehr anrufen, und von zu Hause aus haben wir nur, wenn überhaupt, zweimal Kontakt: um 7.00 in der Früh und vor dem Schlafengehen. Dabei hat sie mich noch gestern ganz lieb gebeten, nächstes Wochenende schon früher zu ihr zu kommen, worüber ich mich sehr gefreut hatte. Doch nach 20.30 war dann nichts mehr, nur ihr AB. Heute ab 8.00 versuchte ich vorsichtig zu wecken, doch bis jetzt 10.05 nur wieder der AB. Natürlich ist mir bekannt, daß sie mit Birgit Windisch zum Brunchen fährt, aber daß sie mich nicht anruft beziehungsweise auch jetzt nicht da ist, kann ich mir nicht erklären. Ich frage mich, ist sie nach unserem Telefonat noch weggefahren und über Nacht nicht nach Hause gekommen oder ist jemand bei ihr. Jedenfalls habe ich dadurch wieder einen beschissenen Sonntag.

Nicht einen einzigen Millimeter kommt mir Jenny entgegen. Ein kleines Hallo-hier-bin-ich! würde genügen, ich wäre ein anderer Mensch. Aber die Aktion von gestern, kein Gute Nacht, und heute einfach nichts, das macht mich fertig. Mir kommt vor, Jenny bricht den Kontakt förmlich ab. Meine E-Mails beantwortet sie nicht mehr, dabei weiß ich, daß sie mit Bekannten und Freunden stundenlang telefoniert und ihnen seitenlange E-Mails schreibt. Ich möchte das mit keiner Silbe erwähnen, sonst ist sie nur wieder böse und erzählt mir, wie wichtig ihre Freunde für sie sind. Aber die Frage, was eigentlich ich für sie bin, drängt sich irgendwie auf. Wo sie mich so behandelt. Da fehlt mir komplett der Durchblick. Wenn wir einmal im Monat miteinander schlafen, wirkt sie abwesend und gähnt. Es ist schon lang her, daß sie nach mir gefaßt oder mich aus eigenem Antrieb geküßt hat. Bei jedem zweiten Wort von mir sagt sie, ich sei blöd. Und beim Geld ist sie furchtbar leichtsinnig, und ständig ist sie abgebrannt. Ich habe schon zweimal ihr Konto ausgeglichen, trotzdem ist es schon wieder hoffnungslos überzogen, und wenn ich ihr nicht wieder unter die Arme greife, dreht man ihr das Licht ab oder, noch schlimmer, das Telefon. Mittlerweile habe ich locker 7000 Euro in sie investiert. Es liegt mir fern, dieses Geld zu thematisieren, aber es ist für Jenny anscheinend so, als hätte ich nichts für sie getan. Heute hat sie mir erzählt, daß ihre Freundin Natalie genauso veranlagt sei. Na, bitte. Am liebsten würde ich auf der Stelle mit Natalie Kontakt aufnehmen und versuchen, das Problem großräumig in den Griff zu bekommen. Aber auch das ist nur Wunschdenken, denn wenn Jenny davon Wind bekäme, wäre alles aus. Dabei hätte ich so gerne, daß ihre Freundinnen ihr etwas ins Gewissen reden, damit sie ein wenig auf mich zugeht. Auch zu meinen eigenen Freunden und Bekannten habe ich fast keine Kontakte mehr, denn die führen ihr eigenes Leben und sind nicht neugierig auf einen wie mich. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so traurige und einsame Zeiten erlebt wie das letzte halbe Jahr. Es ist schier zum Verzweifeln. Wenn ich mit meinen Sorgen wenigstens bei Jenny Verständnis finden würde. Aber da darf ich nichts davon erwähnen, sonst geht sie an die Decke. Vielleicht können wir uns nächste Woche wieder etwas annähern.

Heute löst Jenny bei Walli das Raclette-Essen ein, das Walli ihr zum 28. Geburtstag versprochen hat. Wir hatten nur zweimal telefonischen Kontakt, morgens um 8.20 und mittags um 12.55. Zwischendurch ist sie immer wieder verschollen. Ich habe keine Ahnung, wo sie die ganze Zeit steckt. Das verschafft mir 24 Stunden ununterbrochene Krise. Wenn ich nicht zusehe, daß ich gefühlsmäßig wieder etwas lockerer werde, ist das mein Untergang. Das alles zieht mich fürchterlich hinunter. Hoffentlich ruft Jenny bald an. Ab heute nacht haben wir wieder Winterzeit, also eine Stunde länger
schlafen.

Am Abend um 22.00 hat Jenny am Telefon gesagt, daß sie mich in der Früh anruft. Um 9.00 habe ichs das erste Mal versucht. Sie war nicht zu Hause. Erst das dritte Mal, um halb 11, hat sie abgehoben und mir gleich Vorwürfe gemacht, daß ich sie ständig kontrollieren würde. Mittlerweile ist unser Telefonkontakt definitiv auf zweimal pro Tag geschrumpft, es gibt auch am Morgen keinen Anruf mehr. Da entwickelt sich etwas in die falsche Richtung. Außerdem glaube ich, daß Jenny mich belügt. Bestimmt gibt es einen zweiten Mann, anders kann ich mir nicht erklären, weshalb sie so oft nicht zu erreichen ist. Wenn man bedenkt, wie das alles noch vor zwei Monaten war. Dagegen jetzt. Ich fühle mich, als würde ich jeden Moment einen Herzinfarkt bekommen.

Für Mittag koche ich mir ein Paprikahenderl mit Nudeln, es brutzelt schon im Kelomat. Um 11.10 ruft Jenny an und verkündet, daß sie Drachensteigenlassen geht. Ihre Waage ist mal wieder auf die friedliche Seite gekippt. Ich habe ein gutes Gefühl.

Am Nachmittag war ich im 1. Bezirk spazieren. Ein sonniger Tag, viele Menschen unterwegs. Vor dem Casino saß ein slowakischer Gitarrist und spielte. Ich habe über eine Stunde zugehört und eine CD gekauft. 15 Euro. Gerade jetzt spiele ich die CD in Jennys CD-Player. Leider kommt mir wieder diese verfluchte Traurigkeit hoch, ich kann absolut nichts dagegen tun, egal wie ichs anstelle. Um 8.00 hat Jenny angerufen. Sie geht noch in die Schwingkiste, dann muß sie am Flughafen Birgit Windisch abholen. Bin gespannt, ob ich tagsüber etwas von ihr höre, glaube aber nicht, weil sie sich bis zum Abend verab schiedet hat. Sie war auch wieder etwas mürrisch und hat wegen meiner Wettergeschichten geschimpft. Ich schau doch am Morgen immer TW1, und da hab ich gesehen, daß es in ihrer Gegend nur 1 Grad hat. Na ja, ich werd vom Wetter nicht mehr sprechen so wie von der Liebe, das ist ihr beides zu dumm und zu oberflächlich. Nun werd ich zu meinem Bruder und zu Mama fahren, da bin ich zum Mittagessen eingeladen, und am Nachmittag gehts zu den Friedhöfen, nach Neulengbach zum Vati und nach Tulln zu den Großeltern. Anschließend gibts bei Susitante das obligatorische Allerheiligentreffen. Ob mich Magda anruft wegen der Geldübergabe? Sie wußte noch nicht, ob es sich ausgeht. Na ja, ich glaube, sie will mich auch nicht mehr sehen. So leb ich halt einsam und allein in den Tag und vor allem in die Nacht hinein und weiß nicht, was ich tun soll in diesem Zustand. Leider sind meine Freunde von früher alle weit weg und rufen mich auch nicht mehr an. Aufdrängen möchte ich mich nicht, außerdem weiß ich, daß es die Tesars waren, die Magda alles über mich und Jenny erzählt haben. Ich glaube, deshalb ist Magda seit einiger Zeit so abweisend.

Jetzt ist es 9.45, ich werde losfahren. Ich möchte in Auhof noch mein Auto waschen.

Soeben bin ich zu Hause angekommen. Ich mache mir Sorgen, weil ich nicht weiß, was mit Jenny ist. Mir ist es ein Rätsel, wie meine Eltern das geschafft haben, als sie jung waren, wenn sie eine oder zwei Wochen gewartet haben, bis sie Antwort auf einen Brief hatten. Das muß mörderisch gewesen sein, richtig finstere Zeiten.

Jetzt um 17.30 hat Jenny angerufen und gesagt, daß sie schlafen geht und morgen früh zum Massieren, Schwing kiste und dann in die Stadt. Mir drängt sich der starke Verdacht auf, daß sie am Abend wegfährt und irgendwo anders schläft, dort nicht so früh aufstehen kann oder will und deshalb die Geschichte von den zeitigen Aktivitäten erfindet.

Ich war noch auf ein Bier. Wieder zu Hause, 20.15, habe ich versucht, Jenny anzurufen, doch der AB ist aus und das Telefon läutet. Auch das Handy ist abgeschaltet. Morgen schickt Jenny einen vierseitigen Brief an mich, das hat sie angekündigt. Es ist davon auszugehen, daß eine Schlußerklärung drin sein wird, deshalb warte ich mit meiner Geldsendung noch zu. Bitte, lieber Gott, gib, daß all das nicht wahr ist. Aber warum sollte Jenny ihr Telefon um 18.00 abschalten und zu Bett gehen, wenn sie Urlaub hat? Und vor allem: Warum darf ich in der Früh nicht anrufen, bevor sie massieren geht? Das ist nicht erklärbar. Wenn das so weitergeht, werde ich vor Gram sterben. Ich fühle mich hundeelend. Es ist jetzt 20.50, ich liege im Bett und kann mich nicht derfangen. Bei Jenny hebt niemand ab. Wahrscheinlich ist sie über Nacht bei einem anderen und kommt erst am Mittag nach Hause.

Die Vorstellung, daß Jenny unsere Beziehung beenden könnte, macht mich irr. Ich glaube, sie hat da ein wenig vergessen, daß sie es war, die mich dazu gebracht hat, zu Hause auszuziehen und mich von Magda scheiden zu lassen. Sie wollte sogar, daß ich für Fabian einen Gentest mache, ob er mein Sohn ist. Sie hat sich in den E-Mails schon meine Frau genannt. Sie wollte ein Kind von mir (eine Laura oder einen Paul), wir haben gemeinsame Zukunftspläne gemacht, ich habe ihre Schulden bezahlt, ich habe alles Erdenkliche für sie getan und sie
verwöhnt. Und jetzt das.

Anna nicht vergessen256 Seiten
Fester Einband
ISBN 978-3-446-20911-4
19,90 Euro

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