Arno Geiger
Der schmale Grat
Eine Auskunft – geschrieben für das Literarische Quartier “Alte Schmiede” in Wien und für deren Anthologie “Die Welt an der ich schreibe”, Sonderzahl, 2005.
Ich betrete das Haus, von allen unbemerkt, gehe in die Küche, und während ich dort ein Glas Wasser trinke, denke ich darüber nach, was es für mich bedeutet, daß das Lektorat für meinen vierten Roman drei Wochen früher beendet sein soll als ursprünglich angekündigt. Mir bleiben lediglich sechs Tage, und ausgerechnet jetzt bin ich im Haus meines Vaters, weg von meinem Schreibtisch.
Mein Vater kommt herein, er schaut mich mit seinen ewig schwimmenden Augen freundlich an. Er ist nie sonderlich überrascht, wenn ich mich nach Wochen oder Monaten der Abwesenheit blicken lasse. Wir grüßen einander. Ich frage ihn, wie es ihm geht. Er antwortet:
- Eigentlich immer gut.
Er geht in der Küche auf und ab, als wolle er sich ein wenig umsehen und sich vergewissern, daß alles an seinem Platz ist. Dann sagt er:
- Ich weiß nicht, was von mir erwartet wird.
- Was meinst du mit erwartet? frage ich.
- Ob ich etwas tun muß.
Ich nehme einen Schluck Wasser und beruhige ihn:
- Niemand erwartet etwas von dir. Es ist Sonntag, du kannst dir einen ruhigen Abend machen. Sei froh.
- Bist du sicher?
Ich nicke.
- Dann bin ich ja erleichtert, sagt er.
Und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu:
- Jetzt wäre nur noch interessant zu erfahren, wer mich nach Hause bringt.
Ich stelle das leere Glas in die Abwasch und führe meinen Vater durch die Räume des Untergeschosses. Ich zeige ihm, was er vor fünfundvierzig Jahren selbst geschaffen hat. Ich weise auf markante bauliche Eigenheiten und auf Dinge, zu denen mein Vater eine emotionale Beziehung haben sollte. Er hört mir aufmerksam zu, er betrachtet den Zählerkasten mit hochgezogenen Augenbrauen. Aber es ist ihm deutlich anzumerken, daß die Informationen, die er von mir erhält, nicht nach seinem Geschmack sind.
- Hier bin ich nicht zu Hause, sagt er.
Ich schaue mich um. Die Wände bräuchten einen frischen Anstrich. Auch wäre es an der Zeit, auf Gas umzustellen. Aber solange mein Vater lebt, läßt man das Haus ausdienen, mehr wird im Moment nicht verlangt.
Ich geleite meinen Vater ins Wohnzimmer, wo er in den vergangenen Jahrzehnten 90 Prozent seiner Abende verbracht hat. Normalerweise belästige ich ihn nicht mit Fragen, denn ich weiß, er befürchtet hinter jeder Frage einen Test oder eine Falle, die den Zweck hat, ihn in seiner Vergeßlichkeit bloßzustellen. Doch um herauszufinden, woran er denkt, wenn er von zu Hause redet, erkundige ich mich beiläufig, wie es bei ihm zu Hause eigentlich ausschaut.
Er antwortet:
- Nicht viel anders als hier.
- Eventuell genau gleich wie hier? frage ich vorsichtig.
Die Antwort kommt ohne Zögern:
- Ähnlich wie hier. Aber doch anders.
Ich weiß dann nicht, soll ich versuchen, meinem Vater beizubringen, daß er das falsch sieht, soll ich ihn auffordern, seinen Eindruck entsprechend zu begründen, oder soll ich mich seiner Meinung anschließen, daß ich ebenfalls finde, zu Hause sieht ganz ähnlich aus wie hier, und doch anders.
Später, als mein Vater vor dem Fernseher sitzt, denke ich über den Unterschied nach zwischen dem, was mein Vater in diesem Haus sieht, und dem, was er gerne sehen würde, zwischen dem, wo er ist, und dem, wo er lieber wäre. Ein schmaler Grat. Dabei fällt mir ein, was Carl Einstein geschrieben hat, daß die materielle Welt und unsere Vorstellung sich nie decken. Das beschäftigt mich eine Weile, denn genau genommen steckt in diesem Gedanken auch für mich etwas Grundlegendes, weil damit eine der Ursachen benannt ist, weshalb ich zum Schreiben gekommen bin, all die kleinen Unstimmigkeiten und Befremdlichkeiten, die Verschiebungen, Irritationen, Schreckmomente, kleinen Niederlagen und seltsamen Freuden, die mich von kindauf begleiten und mich beinahe täglich denken lassen: Seltsam, die Dinge machen den Eindruck, als wären sie normal, harmlos und einfach zu durchschauen, und doch, etwas stimmt nicht mit ihnen.
Mir kommt vor, mein Schreiben ist zu einem Gutteil das Ergebnis dieser Erfahrung, ein Erzählen und Nachdenken im kleinen Grenzverkehr zwischen Nicht-verstehen, Verstehen-wollen und Trotzdem-nicht-verstehen. Ein Pendeln zwischen materieller Welt und Vorstellung, zwischen Stoff und Wort, ein Anrennen gegen eine Welt, die sich nur selten auf eine stabile Bedeutung und einen klaren Sinn festlegen läßt und statt dessen mit beklemmender Beharrlichkeit paradox, unbegreiflich und unnahbar bleibt.
Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er Schriftsteller wird. Über meine eigene Veranlassung rede ich nicht gerne, weil ich meistens zu sehr bemüht bin, das, was mich antreibt, als etwas in sich Geschlossenes, Zusammenhängendes und Schlüssiges darzustellen. Einige Talente und Schwächen spielen in dem Ganzen aber zweifellos eine gewisse Rolle.
An der Oberfläche ist bei mir ein ausgeprägtes Einzelgängertum festzustellen, ich bin ein Stubenhocker, verbunden mit dem keineswegs in Widerspruch dazu stehenden Wunsch, geliebt zu werden oder jedenfalls Aufmerksamkeit zu erhalten. Ich bin ein Mensch, der nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt, einer, der keine übertrieben engen Bindungen eingeht, auch nicht mit bestimmten Wahrheiten. Die Welt bleibt mir immer ein wenig fremd, ich nehme sie nicht an im Sinne, daß ich sie umarmen will. Ich fühle mich ganz wohl als Außenstehender, als Randfigur – und so ist meine Anteilnahme meist nicht die eines Handelnden, sondern die eines Beobachtenden. Mein Schreiben hat viel mit diesem Beobachten zu tun, mit einem fortgesetzten, nicht nachlassenden Staunen, wie merkwürdig unsere Existenz ist. Es hat auch damit zu tun, daß diese Merkwürdigkeit, wenn man sie in Sprache überführt, nichts von ihrer Merkwürdigkeit verliert, aber zusätzlich an Bedeutung gewinnt.
Als ich mit dem Schreiben begonnen habe, zwanzigjährig, hätte ich behauptet, daß es bei mir keine besondere Veranlassung dafür gibt; halt daß ich grad nichts Besseres zu tun habe. Die Frage, warum ich schreibe, habe ich mir gar nicht gestellt. Warum erschaffe ich mir eine neue und eigene Welt aus Wörtern, und inwiefern reagiere ich damit auf die reale Welt, die ich mit anderen Menschen teile. Die Erkenntnis, daß mein Erzählen eine Reaktion auf Unordnung ist, daß Schreiben eine besondere Art ist, Angst zu haben, sich zurückzuziehen und mit dem, womit man fertigwerden muß, umzugehen, lag jenseits meines Reflexionshorizontes, ebenso die Erkenntnis, daß ich mich an den Schreibtisch setze, weil ich das Bedürfnis habe, hinter dem Geschriebenen etwas zu finden, das nicht nur auf mich verweist, sondern auch auf die Zeit- und Lebensumstände, in die ich hineingeworfen bin und die sich mir nur ungenügend erschließen. Heute würde ich sagen, daß ich schreibend die Leerstellen meiner Existenz auffülle oder aufzufüllen versuche, deren Unvollständigkeit und deren Mängel, daß ich gegen jenes Nichts anschreibe, das sich unter anderem auch in der Schrecken einjagenden Kluft zeigt, die meinen Vater von den Gegenständen in seinem Haus trennt.
Beim Schreiben habe ich mich von meinem engeren Lebensbereich selten weit entfernt, obwohl ich anfangs so getan habe, als ließe ich meine Herkunft dezidiert hinter mir. Mittlerweile habe ich diese Ansicht einer gründlichen Revision unterzogen und gestehe mir gerne ein, daß das Andere und Fremde, das in mir die Leidenschaft weckt, mich damit auseinanderzusetzen, die vertrauten Umstände sind und Menschen, die mir in gewisser Weise ähneln.
Ich bin jetzt Mitte dreißig, einige Jahre zu alt, finde ich, um mir noch selbst etwas vorzumachen. Die weite Welt hat es mir nicht angetan, und selbst um die Kunst, die österreichische Gesellschaft zu durchschauen, bemühe ich mich oft nur ungenügend, es reicht mir, um deren Vielschichtigkeit zu wissen und mir diese im Hinterkopf zu behalten. Ob der Ökonom und Philosoph Leopold Kohr recht hat, wenn er sagt, daß niemand in der Lage ist, mehr als ein mittelgroßes Wirtshaus in seiner Komplexität zu überblicken, weiß ich nicht. Ich selbst fühle mich davon angesprochen, und sei es nur, damit ich eine Rechtfertigung dafür besitze, weshalb ich mich weitgehend darauf beschränke, mit mir selbst Schritt zu halten, die Unruhe in mir selbst und die Unruhe in meinem Gegenüber aufzuzeichnen.
Aber vielleicht hat man auch die Gesellschaft verstanden, wenn man das Wirtshaus verstanden hat – oder auch nur die eigene Familie, was mir schon schwer genug fällt.
Oft versuche ich zu verstehen, und verstehe doch nicht. Deshalb glaube ich auch: Besser, man erzählt, als Betrachtungen anzustellen und Schlüsse zu ziehen.
Mein Vater ist ein guter Verlierer sowohl seiner Erinnerungen, als auch in der Art, wie er mit dem Verlust seiner Erinnerungen umgeht. Die Last der drohenden Vernichtung drückt ihn, aber nicht so sehr, wie man es erwarten würde. Wäre ich an seiner Stelle, würde ich mir extrem schwertun; davon gehe ich aus. Er hingegen kränkt sich nicht sonderlich. Was unverändert bleibt inmitten der galoppierenden Veränderungen, die sich an ihm vollziehen, ist seine ausgeglichene, gute Stimmung. Er sagt Sätze wie: Mir ist jedes Wetter recht, um zufrieden zu sein. Und: Mir rennt nichts mehr davon. Oft sitzt er ganze Nachmittage in der Laube, hat mehr oder weniger ständig das Gesicht in den Händen, auch, wenn er vor dem Haus auf der kniehohen Gartenmauer sitzt, auf der wir als Kinder gerne gesessen sind. Aber wenn er den Oberkörper aufrichtet und die Hände langsam Richtung Kinn nach unten zieht, kommt ein Lächeln hervor.
Bei allem Verstörenden, das sein Zustand hat, ist es mehr als nur ein Trost, daß mein Vater nicht stunden- und tagelang in finsterem Trübsinn brütet.
Ich sitze seit gut einer Stunde in meinem Zimmer am Laptop, komme aber nicht vorwärts, weil es mir immer schon schwergefallen ist, im Haus meines Vaters zu arbeiten. Dieses Kunststück gelingt mir meist nur, wenn es absolut still ist. Die Stille hält mich davon ab, Schuldgefühle zu haben, diese ganz allgemeinen familiären Schuldgefühle, etwas zu verabsäumen, jemanden zu vernachlässigen oder niemandem eine Freude zu sein.
Zu Hause fühle ich mich nur einigermaßen wohl, wenn niemand sich bewegt.
Mein Vater hat den Fernseher seit einigen Minuten lauter gestellt. Mit dem Argument vor mir selbst, eine Pause verdient zu haben, setze ich mich zu ihm ins Wohnzimmer. Wie immer bietet er mir an, ich könne umschalten, falls ich etwas Bestimmtes wolle. Wie immer winke ich ab, knipse mich dann aber doch durch alle Kanäle, um zu sehen, was geboten wird. Sinnvoll scheinen mir nur die Nachrichten zu sein, und selbst das ist ein freundlicher Selbstbetrug.
Während die Sprecherin die Neuigkeiten herunterleiert, sehe ich mir meinen Vater an und frage mich, wie ich mit 79 sein werde, ob auch meine Nase weiter wachsen wird, bis sie fast doppelt so groß ist wie jetzt, und ob ich dann ähnlich große und verknitterte Ohren haben werde. Und ob auch mir das Denken immer schwerer fallen wird. Denn auch das hat mein Vater vor einiger Zeit gesagt: Das Denken fällt mir zunehmend schwer.
Wir sitzen eine Weile, ohne viel zu reden, bis mein jüngerer Bruder nach Hause kommt. Er war in der Kirche, auf dem Rosenkranz für einen verstorbenen Bekannten. Mein Bruder berichtet, daß während des Rosenkranzes ein Handy geklingelt habe, wobei geklingelt sei ungenau gesagt. Das Telefon habe sich gemeldet mit: Tor, Tor, Tor, i werd narrisch! Ein wenig synthetisch, aber doch unverkennbar der Radiokommentar von Edi Finger senior anläßlich des 3:2 in Cordoba. Krankl schießt ein. Während mein jüngerer Bruder und ich lachen, blickt unser Vater verwundert abwechselnd von einem zum andern, erstaunt, daß zwei seiner Söhne sich mehr oder weniger grundlos auf die Schenkel klopfen. Er lächelt anteilnehmend. Aber offenbar kann er keinen Zusammenhang herstellen zwischen Rosenkranz, der Teil seines Zeichensystems ist, und Handy-Klingeltönen und Edi Finger senior, die nicht zu seinem Zeichensystem gehören.
Nach einiger Zeit sagt er herzlich:
- Es freut mich, daß es euch gutgeht.
Es gibt einen Satz von Grillparzer:
Wenn der Mensch über Bord geht, schmeiß ich die Kunst hinterher.
