Leseprobe: Es geht uns gut

Weiter dringt Richard in seiner Lektüre nicht vor, weil ein offener Steyr-Wagen in die Auffahrt biegt. Der Wagen rollt aus und kommt kiesknirschend vor Ottos Tretauto zum Stehen. Crobath, ein Studienkollege, den Richard seit Jahren nicht gesehen hat, steigt aus dem Wagen. Er trägt Uniform, dazu eine dieser adrett gescheitelten Frisuren. Und Richard? Mit Haaren, die von der Kapitänsmütze und dem Schlaf hinten kreuzquer verlegen sind, im Hemd und in ausgetretenen Segeltuchschuhen. Auf Crobath zustrebend, vom warmen Grasgeruch in den Kiesstaub, nimmt Richard sich vor, Alma zu bitten, ihm neue Schuhe von derselben Art zu besorgen, am besten gleich zwei Paar.

- Man hat mir gesagt, daß ich Sie zu Hause antreffe. Crobath redet ein wenig durch die Nase, auf die gut wienerische Art, was Richard dran denken läßt, daß Crobath, als sie gemeinsam bei den akademischen Naturfreunden waren, sich als Eislauflehrer am Heumarkt verdingte, um seine magere Menage aufzubessern. Damals hinkte Crobath in allem nach, ein Mensch mit einem nichtssagenden Gesicht, den Richard immer ein wenig verachtete. Doch wenn Richard ihn sich jetzt ansieht, muß er zugeben, daß sein Gegenüber in seiner Kantigkeit vitaler und um Jahre jünger wirkt als er selbst. Haben sie einander damals gedutzt?

- Ich hoffe, ich störe nicht, sagt Crobath. Ich bitte Sie. Was kann ich für Sie tun? Er legt Crobath wie prüfend die Hand auf die gepolsterte Uniformschulter. Nach weiteren Höflichkeitsfloskeln für Alma, wendet Crobath sich wieder an Richard mit der Bitte um ein Gespräch unter vier Augen. Ist es etwas Wichtiges? fragt Alma, die Arme gekreuzt, eigenwillig noch darin. Es ist keine große Sache, sagt Crobath. Aber es klingt wie das Gegenteil. Bitte sorg dafür, daß wir nicht gestört werden. Frieda soll Kaffee bringen. Gleichzeitig rätselt Richard, welchem Anlaß der Besuch zu verdanken ist, ob es mit dem vortägigen Treffen in Ratzersdorf zu tun hat. Er mustert Crobath, was der bloß wollen kann. Das beste wird sein, sich mit Reden zurückzuhalten, wo es geht. Einen ruhigen Eindruck will er erwecken. Bloß keine Unsicherheit zeigen. Doch tritt er voraus in die Pergola, wo verandaseitig der Sommertisch steht, sogar mit Blumen darauf, zu steif, er bewegt sich zu steif, mit zurückgeschmissenen Schultern, als müsse er Haltung demonstrieren.

Die Männer setzen sich. Richard rechnet damit, daß Crobath zur Einstimmung an entlegener Stelle beginnen und ein paar Geschichten aus der Studienzeit hervorkramen wird, um sich dann dem eigentlichen Gegenstand zu nähern. Doch nach kurzen Bemerkungen über Otto, den sie aus der Pergola vertrieben haben (wie ähnlich der Bub Richard sehe, das halte die Familie zusammen), und über ein Thema von allgemeinem Interesse (wie grundlegend und vorteilhaft sich die Lage in den vergangenen Wochen verändert habe), steuert Crobath auf den Punkt zu: Die anhängige Klage gegen die Wach- und Schließgesellschaft sei eine lächerliche Sache, wenn man die äußeren Umstände bedenke. Denn, wie Crobath fortfährt: Es müssen alle mit ins Rad greifen. Vor Antritt seiner Dienstreise hat Richard über einen ihm bekannten Rechtsanwalt bei der Wach- und Schließgesellschaft eine Schadensersatzzahlung anmahnen lassen. Für den Fall weiterer Säumigkeit wurde mit Klage gedroht, diese ist aber keineswegs, wie Crobaths Äußerung vermuten ließe, bereits eingereicht. Wieso lächerlich? fragt Richard: Die Wach- und Schließgesellschaft hat bisher nur mit Manövern von sich hören lassen, Ausflüchte versucht oder auf Anfragen erst gar nicht reagiert. Laut Vertrag ist ein Schaden, wenn sich keine Einigung erzielen läßt, binnen sechs Monaten gerichtlich einzufordern. Dieser Schritt ist angebahnt. Ich sehe darin einen normalen Vorgang in Anbetracht der Signale, daß die Wach- und Schließgesellschaft alle Möglichkeiten ausschöpfen will, sich vor der Zahlung zu drücken.

Crobath hält Richard einen fünfminütigen Vortrag über erhebliche Veränderungen, vor denen man stehe, anhaltende Hochstimmung in der Stadt und darüber, daß Richards Verhalten ein ungünstiges Licht auf seine politische Einstellung werfe. Als Crobath in einem Resümee Anzeichen erkennen läßt, wieder von vorne beginnen zu wollen, indem er verkündet, daß von jedermann Opfer verlangt würden, wendet Richard vorsichtig ein: Ich hätte nicht angenommen, daß es sich hier um eine politische Angelegenheit handelt. Dann denken Sie die falschen Gedanken, entgegnet Crobath in einer Gelassenheit, die bewirkt, daß Richard sich auf eine Erwiderung nicht einlassen mag.

Richard horcht auf dünne Sandalenschritte, die sich hinter ihm über den Rasen nähern. Es ist Frieda, die Kaffee und eine Schale mit Brombeeren bringt. Beim Verrücken der Blumenvase beugt Frieda sich über Richards Schulter. Richard meint den nachgiebigen Druck einer ihrer Brüste zu spüren, er nimmt an, daß Absicht dahintersteckt, vielleicht um an die vergangene Nacht zu erinnern. Den Körper schräg zur Seite geneigt, verteilt Frieda Tassen und Schalen mit etwas sanft Schleppendem in ihren Bewegungen, das Richard ebenfalls auf sich bezieht. Er riecht den vertraut parfümierten Körper, der einen stärkeren Geruch ausströmt als die Brombeeren am Tisch. Auch Crobath heftet seine Augen auf das Mädchen, und Richard fällt ein, daß ein Teil der verschossenen Wäsche, die indirekt Gegenstand des Gesprächs ist, von Frieda getragen wird. Alma hat die passenden Stücke mit nach Hause gebracht aus der Überlegung heraus, daß man diese Stücke im Falle einer juristischen Auseinandersetzung weiterhin als Beweismittel vorlegen könnte.

Während Frieda Kaffee einschenkt, ruft Richard sich die einzelnen Vorgänge ins Gedächtnis zurück: Daß am 12. und 13. März deutsche Truppen in Österreich einmarschierten, Samstag und Sonntag, und daß am Wäschegeschäft von Almas Eltern, dem Alma als Geschäftsführerin vorsteht, die dichtbestückte Auslage von dem reichlichen Sonnenlicht an jenen Tagen verdorben wurde. Ein Mitarbeiter der Wach- und Schließgesellschaft hatte es vorgezogen, an der Westeinfahrt Fahnen zu schwingen und seine neue Staatsangehörigkeit zu feiern, anstatt seiner Arbeit in der gebotenen Weise nachzukommen. Er sagt: Es läßt sich nicht wegreden, daß der Wachmann nicht auf seinem Posten war. Und Crobath: Kann man es ihm vorwerfen, daß er die Bedeutung der historischen Stunde erkannt hat, wie man es im übrigen nicht anders von jedem erwartet? Richard blickt einen Moment lang hinter der gemächlich sich entfernenden Frieda her, dann schräg zurück auf Crobath. Er ist der Meinung, dessen verdrechselter Logik nicht folgen zu müssen. Daraus läßt sich hoffentlich nicht das Recht ableiten, seine Pflichten zu vernachlässigen. Und wenn doch: Dann soll die Wach- und Schließgesellschaft dem Mann seinen Sinn fürs Historische vergelten und den Schaden ausgleichen, dem Anstand zuliebe.

Den Vertrag mit der Wach- und Schließgesellschaft hat Alma im vergangenen Jahr erst nach viel Zögern und langem Hin und Her verlängert. Wiederholt waren Nachlässigkeiten vorgekommen, und dann wurde der Schaden nicht gutgemacht. Den höheren Preis für die Dienste seiner Firma im Verhältnis zu anderen Offerten begründete der zuständige Inspektor damit, daß man im Schadensfall einer Firma gegenüberstehe, die voll hafte und auch praktisch haftbar gehalten werden könne. Besagter Inspektor, ein Herr Boldog, wußte über die Unstimmigkeiten der Vergangenheit Bescheid, er versprach feierlich, daß sich Ähnliches nicht wiederholen werde und daß man sich gegebenenfalls an ihn wenden solle. Man hat sich darauf verlassen. Die Pflichtvergessenheit des Wächters wurde mitgeteilt, ebenso die Tatsache, daß an den betreffenden Tagen sommerlicher Sonnenschein herrschte, was aufgrund der Zeitungsberichte und Wochenschauen nicht einmal die Wach- und Schließgesellschaft zu bestreiten wagt. Allerdings wurde bereits in der ersten Reaktion behauptet, daß es dem Sonnenlicht Mitte März an der nötigen Kraft fehle, um die angezeigten Schäden anzurichten. Als ob den Herren nicht bekannt ist, daß bei manchen Waren bereits eine Viertelstunde Sonnenlicht genügt, um die Farben zu verderben. Dabei spielt es auch keine Rolle, wie stark die Ware gebleicht ist, im Kassabuch bleibt der Verlust derselbe. All diese Argumente wurden mehrfach vorgebracht, die strittigen Fragen jedoch durch einen Sachverständigen der Wach- und Schließgesellschaft, also der interessierten Partei, zuungunsten Almas beurteilt. Unabhängiges Gutachten wurde keines eingeholt, weil zu teuer, wie man weismachen wollte, und so ist während bald eines halben Jahres nur Zeit vergangen. Aber wenigstens weiß Richard, daß die Erklärungen, die er anzubieten hat, vor Crobaths politischen Argumenten nichts gelten, ob er auch hundertmal recht hat: Die reine Unvernunft, auf die es nicht ankommt.

Richards Adamsapfel bewegt sich leer. Er sagt: Wohin soll man mit dem entstandenen Schaden? Darf ich? fragt Crobath nickend. Er zieht mit langem Arm den Messingaschenbecher zu sich hinüber und zündet sich eine Zigarette an. Denken Sie an die eigenen Vorteile, an die wegfallende Konkurrenz bei sprunghaft steigender Nachfrage durch das deutliche Mehr an Männern in der Stadt und durch das Geld, das in Umlauf gebracht wird. Sie würden staunen, wenn Sie wüßten, wie vieles möglich geworden ist, von dem man sich noch vor wenigen Wochen nichts hätte träumen lassen.
Wie schnell an der Zukunft gearbeitet wird. Von der Zukunft wird ja jetzt nur noch voller Begeisterung geredet. Zu Recht, wie ich Ihnen sagen kann. Die beiden Männer fixieren einander. Nach zwei langen Sekunden drückt Richard das Kinn in den Kragen, beklommen horcht er Crobaths Worten hinterher, und dann, er weiß auch nicht warum, muß er daran denken, daß er mit der Gründung einer Familie die Zeit einleiten wollte, in der es kaum mehr Veränderungen geben würde. Eine schnelle Rückschau: Die Bestandsaufnahme fällt nüchtern aus. Unruhe und Umstürze schon sein ganzes unberechenbares Leben lang, alle fünf Jahre eine neue Staats- und Regierungsform, neues Geld, neue Straßennamen, neue Grußformeln. Fortwährendes Chaos. Ruhigere Perioden hat es nach seiner Kindheit eher nie als selten gegeben, und er könnte nicht bestimmen, bis wohin er die Zeit, wenn er dürfte, zurückdrehen würde, so verworren ist alles. Er hört Crobath sagen: Vergessen Sie die Wäsche. Vergessen Sie die Wäsche, ganz schmerzlos, wie manchmal Wasser vergißt zu gefrieren. Ob auch die Zeit vergessen kann zu vergehen?

Einen Moment lang sieht Richard das Gerüst der Welt wie bei einem mageren Menschen die Knochen. Er spürt, wie sinnlos, wie unmöglich alles ist und daß er irgendwann sterben wird. Ein Gedanke wie ein Spreißel im Kopf. Am meisten deprimiert ihn, daß er nicht als Österreicher sterben wird. Wenn ich Sie richtig verstehe, soll ich angesichts der Zukunft, an der Sie und Ihre Parteikollegen arbeiten, meine eigenen Interessen in die zweite Reihe rücken. Sie könnten sich auch dazu entschließen, Ihre Ansichten zu korrigieren. Sie sind ein talentierter Mann. Mit Hinblick auf Ihre Begabung hätten Sie guten Grund dazu. Gute Gründe sind momentan leicht zu finden für nahezu alles, sagt Richard. Crobath räuspert sich, rückt den Stuhl näher zum Tisch heran und bedient sich an den Brombeeren. Man wird so schnell kein Haus finden, das mit allen vier Seiten nach Süden liegt. Das Gras wächst, die Fensterlädenbleichen aus, die Dachziegel an der Wetterseite setzen Schorf an. Doch sollte Ihre Gattin das Bedürfnis verspüren, mit ihrem Geschäft zumindest in ein Ecklokal umzusiedeln, ließe sich das ohne großen Aufwand bewerkstelligen. Selbst der äußere Anschein bei Arisierungen kümmert niemanden mehr. Richard sucht in der verlangten Schnelligkeit nach einer Entgegnung, die ihn zu nichts verpflichtet und dennoch ein bißchen interessiert klingt. Er sagt: Das würde bedeuten, ein Schaufenster mehr . Er kratzt etwas Hartes von der Tischplatte, führt es mechanisch zum Mund. Zu spät besinnt er sich darauf, daß es Fliegendreck sein könnte. Er beißt auf die Zähne, greift ruckhaft nach der Kaffeetasse und spült mit einem kräftigen Schluck. Er kann sich nicht helfen, seine Sorgen wachsen ihm allmählich über den Kopf.

Von drinnen die gemessenen Töne aus Almas Querflöte, die sich einzeln und in dichten Gruppen in dem gelbgrünen Licht ausbreiten. Dazu das Klicken der Schaukelketten und das Knarzen des Birnbaums unter der Last Ottos, der sich durch die Luft schwingt. Während Crobath wieder von der Zukunft zu reden beginnt und mit hochgeworfenem Kinn davon schwärmt, daß Kraftakte geleistet werden, lehnt Richard sich zurück, als biete sich ihm so der bessere Überblick, um alles noch mal zu überdenken. Er überdenkt seine guten Gründe, er versucht sich darin, Crobaths Argumente mit seinem Dilemma abzugleichen und auf diesem Weg zu einer Lösung zu gelangen: Daß wenig Aussicht bestehe, die tückische Regelmäßigkeit der Umstürze werde auch in Zukunft anhalten und Crobaths Parteigenossen nur einige Wochen bleiben, und daß es insofern angebracht wäre, sich mit den neuen Herren gut zu stellen, das wäre nur natürlich.
Er, Dr. Richard Sterk, ist keiner, der sein Zeitalter überragt, er hätte ein bißchen Ruhe verdient, findet er. Crobath, als halte er mit Richards Gedanken Schritt (wie bei einem Aufmarsch, Schritt für Schritt), appelliert ebenfalls an Richards Einsicht, Richard werde sich andernfalls in etwas hineintheatern. Sie täten gut daran, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Das tue ich keinesfalls. Sie wären gut beraten. Aber weil er ja nie das richtige Gespür hat, weiß Richard trotzdem nicht. Er würde was drum geben, sich mit Alma besprechen zu können. Wenn man es richtig anfassen würde. Wenn man wüßte, in welche Richtung das alles gehen, was geschehen wird. Es ist nicht ganz einfach, die Wirklichkeit einschätzen und sich festlegen zu müssen, obwohl die Umstände, die man sich wünscht, im Angebot nicht geführt werden. Crobath warnt: Sonst kommt eines Tages die Reue, und nicht vielleicht, sondern bestimmt. Gut, ich will es mir zu Herzen nehmen, räumt Richard ein im normalsten Tonfall, zu dem er noch fähig ist.

Es geht uns gut392 Seiten
Fester Einband
ISBN 978-3-446-20650-2
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Es geht uns gut400 Seiten
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ISBN 978-3-423-13562-7
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